19.07.2011 /OZ/LOKAL/GRM
Stralsund (OZ) – Die Stadtwerke wollen Ende 2012 mit der Produktion von Biogas im Industriegebiet Groß Lüdershagen beginnen. Damit werden Strom für 5000 bis 6000 Haushalte und Wärme für etwa 2200 Haushalte in den Wohngebieten Grünhufe und Knieper produziert, sagt Geschäftsführer Christian Koos. Bis Jahresende sollen die letzten Hürden für einen Baustart im nächsten Frühjahr beiseite geräumt werden. Die Heizkostenersparnis für Fernwärmekunden durch den Biogaseinsatz beziffert Koos mit 140 bis 150 Euro ab 2013/14. Für die Anlage benötigen die Stadtwerke im Industriegebiet Groß Lüdershagen eine gut drei Fußballfelder große Fläche. Auf dem Gelände werden Lagerflächen für Mais, Getreide und Grünschnitt sowie große luft- und lichtdichte Behälter für die Gasproduktion gebaut. Zudem muss Platz da sein für Gülle oder andere Stoffe. Diese liefern Mikroorganismen, die nötig sind, um die pflanzlichen Stoffe zu vergären. Gerechnet wird mit 40 000 Tonnen Mais und Getreide, die jährlich zur Anlage gefahren werden. Von den sieben Lieferverträgen mit Agrarbetrieben wurden vier in der vergangenen Woche unterzeichnet. Per Lkw kommen die „Energiepflanzen“ in die Anlage — immer zur Erntezeit. Die dauert etwa zwei Monate. „Wir gehen in diesen Wochen von insgesamt 2000 Fuhren aus. Und dann ist für das Jahr Ruhe“, so Christian Koos. Auf der Anlage sei genügend Platz, um die Menge für ein Jahr Gasproduktion zu lagern. Eine 200 Meter lange Leitung verbindet die Anlage mit dem Stadtwerkenetz, durch die das Gas zu drei neuen Blockheizkraftwerke gelangt, die noch bis Jahresende in Grünhufe und Knieper gebaut werden. Die Kraftwerke produzieren Strom und Wärme für umliegende Haushalte. Bis das Biogas fließt, verbrennen sie Erdgas. Die Investitionskosten für die Biogasanlage und die Blockheizkraftwerke bezifferte Koos mit insgesamt elf Millionen Euro. Der größte Teil wird mit Krediten finanziert, der Rest — rund 2,2 Millionen Euro — kommt von den Stadtwerken. Das parteilose Bürgerschaftsmitglied Michael Adomeit wundert sich: „Warum wird die Biogasanlage nicht am Grünhufer Bogen gebaut?“ fragte er in einer Bürgerschaftssitzung. Laut Koos wäre dort ein neues Bebauungsplanverfahren nötig, was die Realisierung des Projekts um voraussichtlich ein Jahr verzögern würde. Außerdem müsste eine längere Gasleitung gebaut werden. Adomeit sorgt sich zudem um die Sicherheit der Anlage in Groß Lüdershagen. Sie liege in der Nähe von Hochspannungsleitungen. Bestehe da nicht Explosionsgefahr? Prüfungen hätten gezeigt, dass dies nicht der Fall sei, so der SWS-Chef. Für Pfarrer Hanns-Peter Neumann von der Nikolai-Kirchgemeinde stehen nicht technische Aspekte im Vordergrund. Der Theologe hat ethische Bedenken. Die Erzeugung von Biogas sei eine gute Alternative. „Wir begrüßen das grundsätzlich.“ Bedenklich werde es allerdings, wenn die Biogasproduktion zu einer Konkurrenz zwischen der Lebensmittel- und Energieerzeugung führen würde. Gerade aus Ehrfurcht für die Nahrungsmittel müsse sehr genau hingeschaut werden. „Aus ethischer Sicht ist beim Anbau von Biomasse grundsätzlich eine klare Prioritätensetzung in der Rangfolge Lebensmittel, Futtermittel, nachwachsende Rohstoffe, energetische Rohstoffe und Agrotreibstoffe einzuhalten“, sagt Neumann. Bedenken äußert auch der Naturschutzbund. Rica Münchberger, Geschäftsführerin des Landesverbandes, sorgt sich um die Überlebenschancen vieler Vögel und Insekten, weil für Biogasanlagen große Mengen Mais erzeugt werden. „Und Maisfelder sind eine grüne Wüste.“ Am umweltverträglichsten seien Anlagen, die beispielsweise Pflegeschnitt aus Parks und Gärten als Biomasse nutzen. SWS-Chef Koos kennt die Bedenken, sieht aber dennoch keine Probleme. Zum einen sei nur die Hälfte der zur Gaserzeugung nötigen Biomasse Mais und Getreide, die andere Hälfte sei Grünschnitt. Zum anderen würden die Landwirte nur zehn Prozent ihrer Anbaufläche für die Produktion der Energiepflanzen nutzen. Wie Koos erklärte, wollen die Stadtwerke die Nutzung alternativer Energien weiter ausbauen. So könnten Photovoltaikanlagen auf Dächern von Schulen und Sporthallen installiert werden. Man überlegte dabei auch, wie sich Stralsunder an den Investitionen beteiligen könnten. „Wir sind mit Banken im Gespräch.“ Geprüft werde zudem ein Fernwärmespeicher in dafür geeigneten Gesteinsschichten. Dort könnte im Sommer produzierte Wärme zwischengelagert und im Winter in die Haushalte geliefert werden. Ebenfalls untersucht wird die Nutzung von Erdwärme. Der Bau von Windkraftanlagen ist gleichfalls im Gespräch. Das Unternehmen prüfe gemeinsame Projekte mit anderen Stadtwerken, so Koos.

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